Die neue GOT für Tierärzte

Schon mal darüber nachgedacht?

Ich bin seit 25 Jahren mit einem Tierarzt verheiratet, Tierhalterin, Mutter von 3 Kindern und arbeite Vollzeit für meinen Mann.

Ich würde gerne mit ein paar Fakten beginnen:

In Deutschland gibt es ca. 22.000 Praktische Tierärzte, die ungefähr 34,4 Millionen Haustiere versorgen. Die 34,4 Millionen Haustiere verteilen sich auf ca. 46% aller deutschen Haushalte und entspricht ca. 19 Millionen Haushalte. Daraus folgt, dass auf einen Praktischen Tierarzt in Deutschland 863 zu betreuende Haushalte kommen. Was ich hier nicht berücksichtigt habe, sind die Praktischen Tierärzte, die im Nutztierbereich tätig sind, also keine Haustiere versorgen und dass nicht alle Praktischen Tierärzte in Vollzeit arbeiten. Würde ich diese Zahlen noch mit hineinrechnen, sehe die Bilanz viel schlechter aus.

Im Zeitraum von 2015 bis 2020 hat die 24 Stunden Versorgung um 30% abgenommen, Tendenz weiter fallend. Hieraus resultiert, dass auf die Kliniken, die weiterhin einen 24/7 Dienst anbieten noch mehr Arbeit in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen zu bewältigen ist.

Folgend möchte ich einen Preisvergleich aufstellen:

Eine Chiropraktische Behandlung kostet zwischen 80 und 150 Euro (je nach Tierart). Eine Osteopathische Behandlung wird mit ca. 180 Euro abgerechnet. Hier kommen noch Wegegeld und MwSt hinzu. Eine Lahmheitsuntersuchung eines Tierarztes bei einem Pferd kostet nach neuer GOT im 1fachen Satz 51,31 Euro, 2fachen Satz 102,62 und im 3fachen Satz 153,93 Euro. Auch hier kommen Wegegeld und MwSt noch hinzu.

Eine Homöopathische Erstbehandlung kostet je nach Tierart zwischen 120 Euro und 300 Euro, zzgl. Arzneimittel, Kräuter, Nahrungsergänzungsmittel und Wegegeld. Eine Allgemeine Untersuchung mit Beratung bei einem Pferd kostet im 1fachen Satz 30,78 Euro, im 2fachen Satz 61,56 Euro und im 3fachen Satz 92,34, zzgl. Wegegeld und eventuell einer Hausbesuchsgebühr in Höhe von 34,50 Euro im 1fachen Satz (wie sie zumeist verlangt wird).

In der Realität werden wir Tierärzte erst nach der Konsultation von Chiropraktikern, Osteopathen und Homöopathen, alle zumeist ohne 6jähriges tiermedizinisches Studium, gerufen.

Nach den Fakten die persönlichen Erfahrungen:

Alle die sich jetzt an dieser Empörung wegen der neuen GOT beteiligen und das Tierwohl als Argument ins Feld führen haben eines ganz klar vergessen und nicht beachtet. Wir, Tierärzte, TFAs, angeheiratete oder angelernte Helfer und Arbeitende in einer Tierarztpraxis oder -klinik, tun seit Jahrzehnten nichts anderes als uns um das Tierwohl zu kümmern. Deswegen haben wir diesen Beruf ergriffen. Ist den Kritikern bewusst, dass es in keinem anderen Beruf eine so hohe Scheidungsrate und noch viel schlimmer Suizidrate gibt, wie unter den Tierärzten. Die Gefahr des Suizids ist ungefähr 7mal höher als in anderen akademischen Berufen. Warum ist das so?

1. Wir haben einen massiven Mangel an Praktischen Tierärzten. Nur ca. 5% der heute Studierenden werden Praktischer Tierarzt. Der weitaus größere Teil entscheidet sich für ein höheres Gehalt und geregelte Arbeitszeiten in Industrie und Wirtschaft. Daraus resultiert, dass uns der Nachwuchs fehlt.

2. Die Arbeit verteilt sich auf immer weniger Praktische Tierärzte, die eben wegen des Tierwohls 24/7 für die Tiere da sind. In unserem Fall heißt das, dass wir als inhabergeführte Tierklinik keinen Feierabend, Sonntag oder Feiertag kennen. Unsere Familie hat sich schon immer hinter dem Tierwohl eingereiht und die Kinder mussten akzeptieren, dass ihr Vater oft nicht da war, weil wieder ein Tier ihn brauchte.

3. Tierärzte haben es nicht nur mit dem Leid der Tiere, sondern auch mit dem Leid der Tierbesitzer zu tun. Wir müssen immer beide Parteien im Auge behalten. Dies bedeutet auch für uns eine hohe emotionale und psychische Belastung.

Als mein Mann vor 28 Jahren angefangen hat als Tierarzt zu arbeiten, hat er 400 Euro Brutto erhalten. Normal war, dass Anfangsassistenten jede zweite Nacht und jedes zweite Wochenende Dienste übernommen haben. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Dennoch liegt das durchschnittliche Einkommen eines Tierarztes immer noch signifikant unter einem Einkommen eines anderen akademischen Berufes. Die persönliche Haftung vor allem bezüglich Arzneimittelrecht ist eine Herausforderung für jeden praktisch-tätigen Tierarzt. Jeder Verstoß gegen das Arzneimittelrecht ist ein Straftatbestand und kann zum Verlust der Approbation und damit des Berufes führen.

In meinem Artikel gehe ich bewusst nicht auf die Polemik der FN und anderen Vertretern des Pferdesports ein. Wer heute sich hier auf das Tierwohl beruft, sollte sich überlegen, ob er mit seinem Reglement nicht gerade dagegen verstößt und sich diese Fragen gefallen, lässt:

Muss es in Deutschland bezüglich der Impfpflicht tatsächlich strengere Regeln als im Internationalen Sport geben? Müssen Pferdesportveranstaltungen auch immer höher und besser werden? Ist es im Sinne des Tierwohls, dass Pferde mit 7 Jahren und jünger bereits in der Schweren Klasse (S) starten und dies voll zu Lasten der Gesundheit des Pferdes geht? Brauchen wir nicht die Tierärzte, die sich Wochenende für Wochenende auf den Turnierplätzen einfinden, um das Tierwohl zu gewährleisten?

Ich komme jetzt wieder zu meiner ersten Frage: Schon mal darüber nachgedacht?

In diesem Sinne

Barbara Kellewald

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